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Selbstexperiment Computerspielsucht

Computerspielsucht- ein Selbstexperiment

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Die letzte Woche kam mir mal wieder spontan eine spannende Idee für einen Selbstversuch. Zunächst war das alles gar nicht geplant. Ich hatte einfach mal wieder Lust Computer zu spielen. Das letzte Mal als ich wirklich intensiv Computer gespielt dürfte mittlerweile ungefähr 5 Jahre zurückliegen. Ich weiß das ziemlich genau, denn als ich mit dem Pokern anfing, habe ich mit dem Computer spielen aufgehört.

Während des Spielens merkte ich langsam wie ich wieder in mein altes Suchtverhalten zurückgefallen bin- und habe dann spontan entschlossen ein Selbstexperiment zur Computerspielsucht zu machen. Das ganze Experiment ging über 4 Tage.

Tag 1 des Computerspielsucht Selbstexperiments

16 Uhr: Im Büro entdecke ich auf meinem Laptop noch eine Installation des ganz alten Klassikers- Weltfussball in einer Neuauflage „Weltfussball 2012“. Spontan entschließe ich mich eine Saison zu spielen. Bei dem Spiel handelt es sich um eine Demoversion, bei der man 2 Jahre spielen kann. Danach braucht man die Vollversion. Dabei startet man in der 2. Bundesliga. Überraschenderweise gelingt mir gleich in der ersten Saison die Meisterschaft und der DFB-Pokersieg- ich habe Blut geleckt.
19 Uhr: Beginne den Rechner zu Hause anzuschmeißen. Ich hab das Spiel bereits mit 10 Jahren gespielt und fand es von Anfang an faszinierend- so einfach aber doch so spannend. Vor allem das Feedback des Spiels ist so greifbar- die Möglichkeiten auf das Spiel einzuwirken sind relativ überschaubar und so habe ich die Chance meine Strategie immer weiter zu optimieren. Und so etwas liebe ich- ein Spiel zu analysieren und meine Strategie immer weiter zu verfeinern. Meine Herausforderung ist alle 6 Titel zu holen, also in der ersten Saison Meisterschaft und DFB Poker und in der zweiten Saison Meiterschaft, DFP Pokal, Europapokal und Weltpokal.
21 Uhr: Bin mit meiner Freundin verabredet. Wir trinken Kakao Amaretto- das machen wir ganz gerne wenn sich der Winter nähert. Ich bin für die Zubereitung zuständig und total aufgedreht- ich schmeiße alles um, verschütte den Kakao auf den Herd und die Geschirrspülmaschine. Nach einiger Zeit merke ich- da ist nichts groß mit entspannt was zusammen trinken. Ich bin aufgedreht und nervös wie ein ADHS-Kind. Also vertröste ich meine Freundin und niste mich wieder vor dem Rechner ein.
21:30 Uhr: Nach dieser kurzen Pause spiele ich weiter. Es kommt das erste mal der bewusste Gedanke daraus ein Selbstexperiment zur Computerspielsucht zu machen. So wie früher Computer zu spielen und zu beobachten was dabei eigentlich in mir abgeht. Also alles das bewusst mitkriegen was sich währenddessen körperlich abspielt. Dazu war ich früher gar nicht in der Lage, habe mittlerweile aber ein so krasses Körperbewusstsein und eine Wahrnehmung für so viele Dinge entwickelt, das ich das ganze Mal beobachten möchte, was ich mir damals angetan habe.
1 Uhr: Jetzt ist aber auch mal Zeit mich ins Bett zu legen sagt der Verstand. Mit etwas Aufwand kann ich mich vom Rechner losreißen. Ich lege mich ins Bett- und bin immer noch so aufgeregt. Ständig kreisen Gedanken durch meine Kopf was ich noch an meiner Strategie verbessern könnte. Nach 15 Minuten gebe ich mich geschlagen und verlagere die Überlegungen wieder vor den Rechner. Bald darauf ist Anpfiff.
1-4 Uhr: Die Welt um mich herum ist komplett ausgeschaltet. Ab und zu habe ich das Verlangen was zu trinken oder auf die Toilette zu gehen, das wird jedoch schnell wieder ignoriert. Ich habe relativ kalte Füße, aber der Aufwand mir Socken anzuziehen ist viel zu groß- lieber weiterspielen. Irgendwann macht sich auch mein Magen bemerkbar und knurrt manchmal auf, habe seit Stunden nichts gegessen. Hunger ist gerade so unwichtig. Irgendwann fangen auch meine Augen an zu brennen- ich sollte langsam Schluss machen. Aber ein paar Saisons gehen noch.
4:30 Uhr: Der Rechner wird ausgeschaltet. Lege mich ins Bett. Meine Füße sind total ausgekühlt- ich muss mit Socken schlafen weil ich mich sonst vor Kälte auf nichts konzentrieren kann. Ich bin so müde das ich endlich schlafen kann.

Tag 2 des Computerspielsucht Selbstexperiments

11 Uhr: Aufstehen und Rechner anschmeißen. Dabei esse ich eine Banane- was für lange Zeit die letzte Mahlzeit des Tages bleiben wird. Ich bin kurz davor meine Herausforderung zu schaffen. Ich fühle mich etwas gerädert und habe leichte Kopfschmerzen.
15 Uhr: Ich bin aufgestiegen, habe den Pokal gewonnen und alle 4 Titel in der ersten Bundesliga geholt. Jedoch bin ich nicht als Meister aufgestiegen, weil ich das schlechtere Torverhältnis habe. Eigentlich eine Nebensächlichkeit, aber es nagt an mir das ich nicht alles geschafft habe. Trotzdem höre ich erstmal auf und mache mir was zu essen.
15:30 Uhr: Erst jetzt merke ich WIE schlecht es mir geht. Ungefähr so als wenn ich den gesamten gestrigen Tag Party gemacht habe. Total verkatert, starke Kopfschmerzen und lustlos. Ich bin echt schockiert. Die Rechnung dafür, dass ich nicht für mich gesorgt habe. Nachdem ich ein paar Nudeln mit Pesto gegessen habe, endlich etwas trinke geht’s mir schnell wieder besser. So richtig gut geht es mir jedoch den ganzen Tag nicht. Von daher entscheide ich auch für heute nicht weiter zu spielen.

Tag 3 des Computerspielsucht Selbstexperiments

10 Uhr: Ich merke richtig wie stark die Sucht bzw. der Zwang ist weiterzuspielen. Ich könnte zwar aufhören, aber irgendein Teil in mir sagt „nein!“. Total krass. Aufgrund des Experiments mache ich weiter, ansonsten hätte ich jetzt aufgehört. Der heutige Tag verläuft relativ ruhig. Ich spiele zwar wieder 8 Stunden am Stück- jedoch hat sich mein Körper sowas von schnell an die Umstellung gewöhnt- das ist der Wahnsinn. Ich kann jetzt einfach spielen und spielen ohne das es mir schlecht dabei geht. Kriege im Prinzip kaum noch was von meinen natürlichen Bedürfnissen (essen, trinken, Toilette, Schlaf) mit- jedoch kann ich nahezu ohne Konzentrationsprobleme 8 Stunden am Stück meinem Computerspiel widmen.

Tag 4 des Computerspielsucht Selbstexperiments

Die Eintönigkeit des Spiels nervt mich mittlerweile. Meine Lust schwindet. Sobald ich den Rechner für 5 Minuten ausgemacht habe kommt sie jedoch wieder. Ich sehe keinen neuen Erkenntnisse oder Vorteile darin das Selbstexperiments zur Computerspielsucht fortzusetzen und breche deswegen ab.

Fazit

4 sehr intensive und eintönige Tage liegen hinter mir. Ob ich die verbrachte Zeit bereue? Keineswegs- ich habe einige grundlegende Erkenntnisse für mich persönlich daraus gezogen. Die werde ich dir natürlich nicht vorenthalten.

Belohnungssystem

Was macht das Spiel so interessant das ich nicht aufhören kann zu spielen? Diese Frage habe ich mir gestellt. Die Antwort ist- das Belohungssystem. Es gibt ganz klares Feedback- Tore, Siege und Geld- und ich kann so direkt sehen wie ich mich schlage. Und am Ende kann ich bestimme Achievements erreichen, Titel und bessere Spieler. Dieses System aus Feedback und Achievements macht süchtig- sehr süchtig.

Ich habe selbst einmal für eine Browsergamefirma gearbeitet und kenne das Prinzip, den Spieler mit Belohnungen abhängig zu machen. Es gibt regelrecht Konferenzen der Spieleentwickler, auf denen die neuesten und ausgefeilsten Methoden entwickelt und vorgestellt werden, mit denen die Nutzer noch mehr an der Stange gehalten werden können. Farmville und Mafia Wars lassen grüßen.

Im Prinzip geht es also primär nicht darum, die Lust an dem Spiel zu erhöhen, sondern die Leute bewusst abhängig danach zu machen um mehr Geld durch sie zu verdienen. Das klingt jetzt ziemlich pervers, ist zugegebenermaßen aber eher der Normalfall in unserer auf Konsum getrimmten Gesellschaft.

Das gemeine was ich daran sehe, aus psychologischer Sicht, ist der verzweifelte Versuch der Computerspieler ein Bedürfnis zu befriedigen. Ein Bedürfnis was sie sich unterbewusst oder auch bewusst mit dem Spiel versprechen zu befriedigen. Das gemeine dabei ist nur- so funktioniert das nicht. Denn das Computerspielen ist nur ein Ersatzbedürfnis für das wahre Bedürfnis, was häufig Liebe oder Anerkennung ist. Und dieses Bedürfnis wird durch das Spiel nicht befriedigt.

Im Gegenteil, das Bedürfnis bleibt weiter unbefriedigt und stattdessen werden alle anderen natürlichen Bedürfnisse, die in den Vordergrund treten, weggedrückt. Ein höchst krankhaftes Verhalten. Ich erinnere nur an ein paar Fälle aus der Zeitung, in denen Computerspieler in Internetcafes tot aufgefunden wurden- einfach weil so vergessen haben (!) zu trinken! Als ich das gehört hab dachte ich nur „ey das geht ja gar nicht!“- nach diesem Selbstexperiment zur Computerspielsucht kann ich nur sagen „ja klar, kann ich verstehen“. So krass ist das einfach.

Für sich sorgen

Das klingt trivial- für sich sorgen. Ist es aber nicht. Und das Selbstexperiment hat es mir noch stärker aufgezeigt. Im Prinzip ist das Leben ganz einfach gestrickt- sorge dafür dass es dir gut geht, befriedige deine Bedürfnisse und du bist glücklich. Nur was ist wenn man gar nicht weiß wie man für sich selbst sorgt? Ganz ehrlich, denkst du die ganzen Computerspieler da draußen wissen was sie sich da eigentlich antun? Ich denke eher die haben keine blassen Schimmer. Der nachfolgenden Facebook Generation geht es da vielleicht sogar noch schlimmer… Hallo an alle die von Facebook kommen 😉

Wenn man es nicht von zu Hause aus vorgelebt bekommt für sich zu sorgen- und damit meine ich wirklich für sich zu sorgen- dann wird das auch später im Leben nicht auf einmal von selbst kommen. Leider ist das eher die Regel als die Ausnahme. Großen Teilen der Bevölkerung fehlt dort die Orientierung, wie eigentlich ein glückliches Leben funktioniert. Sie leben einfach so vor sich hin.

Glücklicherweise kann man sich das später noch antrainieren bzw. lernen. Lernen wieder auf seine Bedürfnisse zu hören. Lernen wieder auf seine Intuition zu hören. Und Orientierung zu bekommen, was einem gut tut. Eigentlich sollte das ein Schulfach sein- Glück- aber jetzt genug der Gesellschaftskritik.

Ich bin sehr froh darüber dass mir das Selbstexperiment diese Erfahrung so leidvoll dargestellt hat. Ich habe die Rechnung dafür bekommen, dass ich nicht für mich gesorgt habe.

Persönliche Folgen

Was ziehe ich jetzt für mich daraus? Nun, wenn ich dieses System der Belohnung auch auf meine beruflichen Tätigkeiten übertragen könnte- natürlich ohne den krankhaften Suchtfaktor- dann wäre ich in der Lage viel mehr Motivation und Spaß an meiner Arbeit zu finden. Ich bin da am rum experimentieren und habe einige Ideen- mal schauen wie das zündet.

Was aber viel wichtiger für mich ist- es zeigt mir persönlich auf das ich mit meiner Tätigkeit genau auf dem richtigen Weg bin. Früher waren meine Gedanken immer „ich muss möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen“. Jetzt ist es „wie kann ich meinen Teil dazu beitragen, eine sinnvolle Orientierung und Unterstützung zu geben wie das Leben ist, wie es funktioniert, wie man glücklich ist und wie man wieder mehr in den Kontakt mit sich kommt“. Klingt das nicht aufregend? Bestimmt nicht für jeden- aber bei mir kribbelt es gerade gewaltig in der Bauchgegend 🙂

Übrigens, mit dem Selbstexperiment war die Geschichte noch nicht gegessen. Ich habe weiterhin Weltfussball 2012 gespielt. Einmal um zu schauen, ob ich denn wirklich aufhören kann wenn ich möchte oder ob ich mir nur was vorgemacht habe. Ich konnte ohne Probleme aufhören.

Und weiterhin, um mir endlich den Rekord zu holen. Das hat auch geklappt!

Das Leben ist wundervoll. Einen herrlichen Sonntag wünsche ich dir!



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  1. Marcel
    Marcel11-18-2012

    Toller Versuch. Spannend genug, dass ich selber nochmal über mein Spielverhalten nachdenke. Ich bin froh, dass ich ein tolles soziales Umfeld habe, dass es mir leicht macht ein Spiel liegen zu lassen.
    Ich würde mich freuen von Dir zu hören wie Du die Motivation für Dein Arbeitsleben umgesetzt hast.
    Danke und Gruß
    Marcel

    • Carsten Bruns
      Carsten Bruns11-18-2012

      Danke für dein tolles Feedback! Ja gerne, wenn ich eine erfolgreiche Anpassung für das Arbeitsleben gefunden habe, dann werde ich auf jeden Fall einen Blogpost folgen lassen. Jetzt ist erstmal „trial & error“ angesagt 🙂